Medizin, Forschung, Dosierung von Medikamenten, Gesundheitsprävention – alles ist am sogenannten "Durchschnittsmann" ausgerichtet. Die besondere Spezifik der Frauen wird dabei vernachlässigt.
Das gilt auch für den betrieblichen Arbeitssicherheits- und Gesundheitsschutz. Frauen und Männer sind unterschiedlichen Arbeitsumgebungen, Formen von Anforderungen und Belastungen ausgesetzt. Durch die "geschlechtsneutrale" Betrachtung werden Frauen jedoch beim Arbeits- und Gesundheitsschutz mit den Kollegen gleichgestellt.
Die klassische Frage "Was macht Menschen krank – was hält sie gesund" muß durch eine andere Sichtweise ersetzt werden:
"Was macht Frauen krank, was macht Männer krank – welche Unterschiede gibt es bei Krankheit und Gesundheit zwischen Frauen und Männern, wie haben wir darauf zu reagieren?"
Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (OSHA) hat mit einer Untersuchung belegt, daß sich allen Zielsetzungen von Gleichstellung zum Trotz die Gestaltung des Arbeitsplatzes, der Arbeitsorganisation und der Arbeitsmittel häufig am "Durchschnittsmann" orientiert und damit die Bedürfnisse von Frauen ignoriert:
Facts 42
Das Arbeitsleben von Frauen weist im Vergleich zu dem von Männern erhebliche Unterschiede auf, die sich auf Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit auswirken. Eine der Zielsetzungen der „Gemeinschaftsstrategie für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz“ (1) ist das „Mainstreaming“, d. h. die Einbeziehung der Geschlechterfrage in die Aktivitäten auf dem Gebiet von Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit. Zur Unterstützung dieser Bemühungen hat die Agentur einen Bericht erstellt, in dem die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei arbeitsbedingten Unfällen und Erkrankungen in Bezug auf die Wissenslücken und die Erfordernisse zur Verbesserung der Risikoprävention untersucht werden.
Facts 43
Es sind fortgesetzte Anstrengungen erforderlich, um die Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern zu verbessern. Ein geschlechtsneutraler Ansatz bei Risikoanalyse und -prävention kann dazu führen, dass Risiken für weibliche Arbeitnehmer unterschätzt oder überhaupt nicht wahrgenommen werden. Wenn wir an Gefahren bei der Arbeit denken, stellen wir uns mit größerer Wahrscheinlichkeit Männer in Hochgefahrenbereichen wie Baustellen oder Fischerbooten als Frauen in Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen oder in solch neuen Bereichen wie den Callcentern vor. Eine aufmerksame Untersuchung tatsächlicher Arbeitsbedingungen zeigt jedoch, dass sowohl Frauen als auch Männer bei der Arbeit erheblichen Risiken ausgesetzt sein können. Außerdem gilt dass, wenn man den Frauen die Arbeit erleichtert, sie auch für Männer leichter wird. Daher ist es wichtig, den Geschlechteraspekt bei der Risikoanalyse zu berücksichtigen, und die Europäische Gemeinschaft hat nun das so genannte „Mainstreaming“ zu einem ihrer Ziele erhoben (1). In der unten stehenden Tabelle sind einige Beispiele für Gefahren und Risken aufgeführt, die in Tätigkeitsbereichen mit überwiegendem Frauenanteil zu finden sind.