Solidarisch, kompetent und eigenständig

Der Vorleser

Liebe Leserinnen und Leser,
Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Ich bin der Vorleser, das Symbol der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten für Solidarität in der Arbeitswelt. Heute könnt Ihr selbst lesen. Zu meiner Zeit, vor rund 140 Jahren, war ich unter meinen Kollegen, den Zigarrenarbeitern, die große Ausnahme. Während der überlangen Arbeitszeiten habe ich ihnen aus Zeitungen, politischen und ökonomischen Schriften vorgelesen. Für meinen Lohn haben alle Kollegen solidarisch zusammengelegt. Nicht ohne Stolz darf ich sagen, dass meine Lesekünste letztlich auch zur Bildung eines politischen Bewusstseins unter den Zigarrenarbeitern beigetragen haben. Mit der Folge, dass sie Weihnachten 1865 in Leipzig die erste überregionale Gewerkschaftsorganisation, den „Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiterverein“ gründeten: einen Vorläufer der NGG, der ältesten Gewerkschaft Deutschlands.

1878 verbot das Sozialistengesetz die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften. Die Tatsache, dass ich meinen Kollegen auch während des Verbots weiter vorlas, half ihnen über diese organisationslose Zeit hinweg. 1882 war die Gewerkschaft zwar wieder da, vorerst aber nur als Reiseunterstützungsverein. Drei Jahre später organisierten sich auch Brauer, Böttcher, Bäcker und Zigarrensortierer. 1889 zogen die Müller nach.

Anerkennung der Gewerkschaften
Als 1890 das Sozialistengesetz fiel, konnten sich die Gewerkschaften wieder freier bewegen. Es sollte aber noch zehn Jahre dauern, bis sich die Beschäftigten in Hotels, Gaststätten und Restaurants zum „Verband Deutscher Gastwirtsgehilfen“ zusammenschlossen. Die Fleischer folgten 1902 mit ihrem „Verband der Fleischer und Berufsgenossen“. Von 1890 bis 1913 stieg die Zahl der freigewerkschaftlich organisierten Nahrungs- und Genussmittelarbeiter von 16.614 auf 142.998. Brauerei- und Tabakarbeiter sowie Bäcker stellten die stärksten Organisationen. Die Gewerkschaften wurden zu einer Massenbewegung. Eine Woche nach dem Sieg der Novemberrevolution 1918 schlossen sie mit den Unternehmerverbänden eine „Zentralgemeinschaftsvereinbarung“, die unter anderem folgende Punkte enthielt:

    • Anerkennung der Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiter,
    • Lohn- und Arbeitsbedingungen werden durch Tarifverträge zwischen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden geregelt,
    • das Höchstmaß der Arbeitszeit beträgt acht Stunden.


Von 1918 bis 1920 wuchs die Zahl der organisierten Nahrungs- und Genussmittelarbeiter um das Vierfache. Allerdings führten hohe Arbeitslosigkeit in einigen Branchen, Enttäuschung über den Verlauf der Revolution und auch das wirtschaftliche Elend währen der Inflationszeit 1923 dazu, dass viele den Gewerkschaften den Rücken kehrten. Nachdem die Unternehmer die vorübergehende Schwäche der Gewerkschaften ausgenutzt hatten, um die Arbeitszeit wieder auf zehn Stunden auszudehnen und die Tarife zu kündigen, wurde nach längeren Gesprächen am 23./24. September 1927 in Leipzig der „Verband der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter“ aus der Taufe gehoben. In ihm schlossen sich vier Einzelgewerkschaften zusammen. Der neue Verband hatte an die 150.000 Mitglieder.

Zerschlagung der Gewerkschaften
Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers, der Etablierung eines faschistischen Systems in Deutschland, begann auch die Zerschlagung der Gewerkschaften. Am 2. Mai 1933 wurden sie verboten, ehrenamtliche und hauptberufliche Funktionäre verfolgt und viele von ihnen in Gefängnisse, Straflager und Konzentrationslager gesperrt und ermordet. Im Juni 1933 gab es in Deutschland keine legitimierten Arbeitnehmervertreter mehr. Die von den Nationalsozialisten eingesetzte Deutsche Arbeitsfront (DAF) war eine Zwangsorganisation, der alle Arbeitnehmer und Arbeitgeber angehörten. Streiks und Proteste wurden als Angriffe auf den Staat unnachsichtig verfolgt.

1949: NGG wieder aktiv
Vom 24. bis 26. Mai 1949 bildete sich die heutige Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in den Westzonen. Auch die Verbände der Tabakindustrie und des Hotel- und Gaststättengewerbes schlossen sich an. Als Organisationsprinzip setzte sich die parteipolitisch und konfessionell unabhängige Einheitsgewerkschaft durch. Der Zeitraum von Mitte der 1950er Jahre bis zur Krise 1966/67 gilt als Wirtschaftswunder. Die Nachkriegsarbeitslosigkeit wurde abgebaut, durch Vollbeschäftigung ersetzt, das anhaltende Wirtschaftswachstum und die Produktionsentwicklung begünstigten die gewerkschaftliche Tarifpolitik. Dies änderte sich Mitte der 1970er Jahre grundlegend mit der Wende zur angebotsorientierten Wirtschaftspolitik und dem Sozialabbau unter Krisenbedingungen und Massenarbeitslosigkeit. Die Angriffe auf den Sozialstaat, die Tarifautonomie und die Gewerkschaften nahmen zu.

Neue Herausforderungen
Die deutsche Wiedervereinigung hat die Gewerkschaften 1990 vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Seit dem 1. Dezember 1990 besteht die Gewerkschaft NGG für ganz Deutschland. In der Anfangsphase herrschte eine weitgehende Übereinstimmung zur Herstellung der politischen und sozialen Einheit in Deutschland. Dieser Konsens löste sich jedoch schon bald auf. Die sozialen Auseinandersetzungen in Ostdeutschland verschärften sich.

Seit ihrer Neugründung 1949 hat die NGG in der Tarifpolitik große Erfolge zu verzeichnen wie z. B. Verkürzung der Arbeitszeit, Humanisierung der Arbeit, einheitliche Entgelttarifverträge, Vorruhestandsregelungen sowie Tarifverträge zur Altersvorsorge. In einem wachsenden Europa und einer globalisierten Wirtschaft wird die Gewerkschaft NGG auch in Zukunft ihrer Tradition treu bleiben und Arbeitnehmerinteressen vertreten: kompetent, eigenständig und genauso solidarisch wie ich als Vorleser vor 140 Jahren...

Mitglied werden

Melden Sie sich hier online an.

Newsletter

Aktuelle Informationen per E-Mail - hier können Mitglieder ngg.aktuell abonnieren.

Dr. Azubi

Stress in der Ausbildung?
Dr. Azubi hilft!

Unser Netzwerk

International:
www iuf.org
In Europa:
www.effat.org

©  Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)  |  wegewerk> wwEdit CMS 3.1.9