Von Hartmut Seifert
So ändern sich die Zeiten: Nicht weniger sondern mehr Arbeit soll den Weg aus der Erwerbslosigkeit weisen. Wissenschaftler und Politiker kritisieren, dass die Deutschen zu kurz arbeiten. Darunter litte die Wettbewerbsfähigkeit. "Made in Germany" könnte wieder an Glanz gewinnen, wenn die Beschäftigten bei gleichem Lohn oder Gehalt einige Stunden in der Woche länger arbeiten würden. Deshalb fordern die Arbeitgeber in der tarifpolitischen Diskussion flexiblere und vor allem längere Arbeitzeiten. Eine Lohnsenkung durch die Hintertür soll Wachstum und Beschäftigung ankurbeln.
Ob dieses Kalkül aufgeht, ist zweifelhaft. Denn zum einen liegt die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland bereits über den Werten der beschäftigungspolitischen Vorzeigeländer Niederlande oder Dänemark. Zum anderen: Gehen die Aufträge zurück und sinkt die Kapazitätsauslastung, dann verkürzen die Firmen in aller Regel die Arbeitszeit. Sie bauen Überstunden ab, führen Kurzarbeit ein oder vereinbaren - wie etwa Opel oder Lufthansa - befristete Arbeitszeitverkürzungen mit oder ohne Teillohnausgleich. Dies macht Sinn. Der Arbeitseinsatz folgt der verminderten Nachfrage. Im Gleichschritt sinken die Arbeitskosten. Zieht die Konjunktur wieder an, wird auch die Arbeitszeit ausgedehnt. Die Beschäftigten müssen so zwar Einbußen beim Einkommen hinnehmen, sie behalten aber ihre Arbeitsplätze und sichern die Ansprüche auf betriebliche Sozialleistungen.
Eine andere Strategie verfolgen Teile des öffentlichen Dienstes. Sie wollen Arbeitszeiten verlängern, um der Finanzklemme zu entkommen. Die Arbeit soll auf weniger Schultern verteilt werden. Die Folge: weniger Beschäftigte.
Mit ähnlichen Effekten ist zu rechnen, wenn die Wochenarbeitszeit in der gesamten Wirtschaft ohne Lohnausgleich verlängert würde. Befürworter erwarten, dass aufgrund der verringerten realen Lohnstück-Kosten die Preise fallen und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anspringt. Ob dieser Mechanismus in der realen Welt tatsächlich so störungsfrei funktioniert, wie in Modellen unterstellt, ist zu bezweifeln.
Selbst der Sachverständigenrat zeigt sich skeptisch. Erstens ist angesichts teilweise kartellierter Märkte fraglich, ob die Unternehmen die Kostenentlastungen unmittelbar an die Kunden weitergeben. Zweitens verbleibt selbst bei entsprechenden Preissenkungen eine Nachfragelücke beim privaten Verbrauch. Sie ergibt sich aus der Sparquote. Bei steigendem Realeinkommen ist nicht davon auszugehen, dass die Verbraucher diesen Zuwachs vollständig ausgeben. Sie werden einen Teil auf die hohe Kante legen. Wegen der Unsicherheiten durch die sozialpolitischen Reformdiskussionen könnte es sein, dass sie ihre Sparquote sogar erhöhen, wie sie es erst jüngst aus vermutlich genau diesem Grunde getan haben.
Der Export wird allerdings wegen der günstigeren Wettbewerbssituation zulegen. Um die Lücke beim privaten Verbrauch wettzumachen, müsste der Anstieg aber überproportional ausfallen. Wahrscheinlicher erscheinen Gegenreaktionen im Ausland. Der jüngst in den Niederlanden vereinbarte zweijährige Lohnstopp ist als ein erstes Signal ernst zu nehmen, dass in Europa eine Art Lohndumping möglich wäre.
Der gesamten Wirtschaft droht dann das Schicksal des öffentlichen Dienstes: die Zahl der Arbeitslosen wird nicht ab-, sondern zunehmen.
| Länder | Durchschnittliche normale Wochenarbeitszeit |
| Frankreich | 37,7 |
| Italien |
38,5 |
| Niederlande |
38,9 |
| Dänemark |
39,1 |
| Finnland |
39,2 |
| Belgien |
39,3 |
| Irland |
39,5 |
| Luxemburg |
39,5 |
| Schweden |
39,9 |
| Deutschland |
39,9 |
| Österreich |
40,0 |
| Europäische Union |
40,0 |
| Portugal |
40,3 |
| Spanien |
40,4 |
| Griechenland |
41,0 |
| Großbritannien |
43,3 |
Quelle: Eurostat